“24h in den Straßen von Berlin” - WOROC im Interview
Massiv, Joe Rilla, Taichi, MOK, Colos und viele mehr – Woroc, der Rapper und Prdouzent aus Berlin Kreuzberg, der durch seine Beats für Massiv bekannt wurde, hatte sie alle vor der Linse. Und das innerhalb von 24 Stunden. Heraus kam das neunzig Minuten lange Projekt „24 h in den Straßen von Berlin“. Hart und ungefiltert, so präsentiert er die auf DVD gepressten Eindrücke des Rap-Alltags in der Hip-Hop-Hauptstadt. Im Interview sprachen wir mit ihm über das Projekt, die Vorliebe für das Produzieren und die Beisteuerung seiner Beats für das Album „Jung Brutal Gutaussehend“ von Kollegah und Farid Bang.
ÂÂVom Mischpult hinter die Kamera – was hat dich veranlasst, auf die Straße zu gehen und die Berliner Rap-Szene zu filmen?
Ich wollte die Jungs rau und unverbraucht einfangen, ohne Scheinwerferlicht, Schnickschnack und stundenlange Nachbearbeitung. Dafür habe ich mir genau einen Tag Zeit genommen, bin von einem zum nächsten gehetzt, habe draufgehalten und die Jungs reden lassen wie ihnen gerade das Maul gewachsen war. Das Ergebnis ist genau so, wie ich es mir erhofft hatte und absolut einzigartig! Zwei Trailer - einer mit Joe Rilla - sind schon im Netz. Je einer mit Massiv und MOK folgen noch.
Die Szenen sind ja spontan entstanden, das Material wurde innerhalb von 24 Stunden abgedreht. Wie sind die Szenen denn zustande gekommen, wie bist du auf die entsprechenden Künstler gestoßen?
Ich habe natürlich sämtliche Kontakte. Einen Tag vor dem Dreh habe ich einen Großteil der Jungs angerufen und angekündigt, dass ich sie morgen filmen werde. Natürlich hatte kaum jemand so kurzfristig Zeit. Ein Problem war das aber nicht. Ich habe früh morgens angefangen Leute zu besuchen und das den ganzen Tag so durchgezogen - von einem zum anderen. Darum sind die Locations auch so unterschiedlich. Mit dem einen fahre ich im Auto, mit dem nächsten laufe ich durchs Kaufhaus, um zwischendurch am Bahnhof zu stehen und am Ende des Abends auf dem Friedhof zu landen.
Worauf kam es dir beim Dreh an? Stand die Authentizität, das wahre Gesicht der Rapper, im Vordergrund?
Absolut. Auf dieser DVD reden die meisten, wie man sie noch nie zuvor erlebt hat. Es gab keine vorgefertigten Fragen, keine Absprachen. Die Jungs sollten sich genau so geben, wie sie als Menschen eben sind. Ich war die ganze Zeit allein unterwegs; es gab kein Kamerateam, keine Fotografen, keine Soundleute.
Was würdest du sagen, ist das Besondere an deinem Projekt?
„24h in den Strassen von Berlin“ ist eine einzigartige Momentaufnahme der Berliner Rap-Szene!
Wie haben die Rapper auf das Filmen reagiert? Gab es da Unterschiede?
Nicht wirklich, alle haben gut mitgemacht. Nur im Nachhinein mussten viele lachen oder schlucken, was sie da ohne Vorbereitung alles von sich gelassen haben (lacht). Es wurde aber nichts zensiert, alle Szenen sind mit drauf! Das hätte ich mir auch nicht nehmen lassen.
Inwiefern ist „24 Stunden in den Straßen von Berlin“ besonders charakteristisch für den Alltag in der „Stadt, die niemals schläft“?
Schwer zu sagen. Berliner Rapper sind sehr umtriebig, ständig beschäftigt, aber oft auch hart verpeilt. Hier ist immer irgendwas am Laufen und in vielen Lagern werden Pläne geschmiedet. Die Vielfalt an Charakteren ist hier sehr groß, was auch auf der DVD rauskommt. Insofern könnte sie schon charakteristisch sein für das Stadtleben - irgendwie.
Du zählst in Deutschland zu den bekannten Rap-Produzenten, giltst als Produzent der mit Leib, Seele und Herzblut bei der Sache ist. Wie bist du denn damals zum Hip-Hop gekommen?
Rap höre ich schon seit den Achtzigern, aber angefangen zu Produzieren habe ich 2001. Musik machen war eine wichtige Ablenkung nach den Erfahrungen, die ich im Krieg machen musste. Mit VS Mafia fing es an, später habe ich Massivs „Blut gegen Blut“ und Colos´ „Leben im Exil“ produziert. Inzwischen haben Fler, Jonesmann, Frauenarzt, Deso, Basstard, Dissput, Kitty Kat uvm. auf meine Beats performt. Auch Kollegah und Farid haben sich vor kurzem Beats gepickt.
Seit einigen Jahren rappst du auch. Wie kam es dazu?
Das war nie geplant und ist nur aus der Not heraus geboren. Meist bin ich für Rapper eingesprungen, die ihre Studiotermine nicht wahr genommen haben, zu viel geraucht hatten, um Feature-Parts ein zu rappen oder sonst wie unzuverlässig waren. Ich mag es nicht auf Leute zu warten. Darum habe ich immer wieder selbst zum Mic gegriffen.
Was betreibst du mit mehr Leidenschaft: Das Rappen oder das Produzieren?
Ganz klar das Produzieren. Ich bin Produzent, kein Rapper.
Du hast kürzlich in einem Interview gesagt, Hip-Hop sei tot? Meinst du damit, dass deutscher Rap an Qualität verliere?
Nein, ich meine das große Ganze, Hip Hop als Kultur und Ausdrucksweise der Jugend, als Alternative zu dem ganzen Scheiß in der Gesellschaft, gerät immer mehr ins Hintertreffen. Über Jahre wurden von den Plattenfirmen Gehirne gewaschen; alles was damals wichtig war wurde in seiner Bedeutung umgedreht. Damals war Rap verpönt, der für die Masse gemacht wurde. In die Charts kamen nur die Toys. Heute ist alles um 180 Grad gedreht. Hip Hop hat sich in allen seinen Ausdrucksweisen extrem der Gesellschaft angepasst. Die Typen, die heute gefeiert werden, waren damals für uns die Opfer! Das werden dir viele Ältere so bestätigen, wenn du sie fragst.
Der Berliner MC Liquit Walker hat deinen Nachwuchs-Contest gewonnen. Wie wichtig ist für dich die Förderung von Newcomern?
Förderung ist existentiell wichtig. Was würden wir Produzenten machen, wenn es eines Tages keine verheißungsvollen Talente mehr geben würde? Letztendlich ist es aber auch so, dass der Schein eines Newcomers auf dem Vormarsch auf einen selber zurück kommt - zumindest wenn derjenige durchstartet. Ich sage dir ganz ehrlich: Vor dem Contest kannte ich Liquit nicht, habe dann nur seinen eingesandten Song „Hassmodus“ gehört - und der war eine Granate! Anschließend habe ich mich mit seiner Musik befasst und kann jetzt voller Überzeugung sagen, dass Liquit der heißeste Battle-Rapper Deutschlands ist und eine große Zukunft vor sich haben könnte!
Wie beurteilst du den Rückzug vom Berliner Kultlabel Aggro Berlin aus dem Rap-Business?
Die Jungs im Hintergrund werden weiter mitmischen, nur eben keine Alben mehr veröffentlichen. Der Name Aggro Berlin ist nicht aus der Welt. Grundsätzlich findet jeder Aufstieg irgendwann sein Ende, das ist normal. Und der öffentliche Aufschrei war im Endeffekt auch nicht so groß, wie man vielleicht erwartet hätte, oder?
Nochmal zurück zu Kollegah und Farid Bang, du wirst auf ihrem Album drauf sein?
Genau. Die Jungs haben sich vier Beats für ihr Album „Jung Brutal Gutaussehend“ gepickt. Die erste Single „Mitternacht“ ist auch von mir produziert, dazu wird es ein Video geben, welches gerade in Belgrad gedreht wurde. Ich bin schon sehr gespannt auf das Album der beiden. Bei Selfmade machen sie einen sehr guten Job.
Wie würdest du die Berliner Rap-Szene aus deiner Sicht beschreiben? Wie siehst du deren Zukunft? Der “Berlin-Hype” geht ja tendenziell zurück.
Nach einem Hype kommt der nächste, das ist ein ewiger Zyklus. Inzwischen ist softere Musik wieder angesagt, die Technik kommt wieder mehr zum Tragen. Irgendwann wird sich das wieder umdrehen. Da lohnt es sich nicht den Kopf drüber zu zerbrechen. Insofern…„24h in den Strassen von Berlin“, DVD ab 22. Mai, freut Euch drauf!




